NEUNZEHNHUNDERTFÜNFUNDNEUNZIG im August
Meine geliebte Tochter feiert zum vierzehnten Mal ihren Geburtstag.
Ich erinnere mich zurück wie es war, damals, vor vierzehn Jahren.
Eine hysterische Schwangere war ich.
Bei jedem Zwacken hab ich das Geschirrtuch sogleich geschmissen, um meine Hysterie spätestens bei der eintreffenden Rettung ärztlich widerlegen zu lassen, mit der Bitte um eine Absegnung, dass alles in Ordnung sei.
So sehr habe ich mich auf das Wunder Leben in mir gefreut, es durfte durch nichts zerstört werden.
Als es schließlich 14 Tage zu früh soweit war, saß ich zum etwa hundertdreißigsten Mal in der Schwangerenambulanz - gereiht an Stelle zweihundertzweiundzwanzig- und wartete vergebens darauf, dass meine Eröffnungswehen im Abstand von 3 Minuten endlich jemand ernst nehmen möge.
Mochte aber niemand.
Irgendwann rief mich eine beherzte Hebamme hinein.
Um mich zwei Minütchen danach geradlinig in den Kreissaal zu befördern.
Da lag ich nun, mit diesem CTG Gerät am Magen, und die herantrabende Hebamme in Gestalt eines alten Massivholz - Bauernkastens versicherte mir, dass da keine Wehen zu erkennen wären.
Heim gehen sollte ich.
Oder warten.
Und mich nicht so anstellen.
Sobald sie um die Ecke gebogen war, entschied ich mich für Ersteres und kroch im dekorativen, hinten offenen Nachthemdchen bei der Tür hinaus.
Heimgehen.
Ja.
Heimgehen hielt ich für angebracht.
Daheim würde das sicher aufhören.
Dieses Gebären.
Unmöglich fand ich das.
Schmerzhaft.
Auslassen, auf einander Mal verschieben.
" so mach ichs " ,
dachte ich mir.
Wurde nichts draus, der alte Massivholz - Bauernkasten hat mich im Stiegenhaus eingefangen.
Wenig später lag ich angeschnallt zum Gebären in einem Zimmer, Kreissaal sagten sie.
Alles eckig dort, nur Ecken und Kanten, da war nichts rund.
Da lief nichtmal was rund.
Ich war zickig.
Mir gefiel es nicht sonderlich, angeschnallt zu sein wie eine Dachbox mit Zurrgurten.
Und weil ich wahrscheinlich zu langsam war, gebären musste man scheinbar mit einer bestimmten Durchschnittsgeschwindigkeit, hat sich der Massivholzbauernkasten von oben auf meinen Bauch gelegt um mein Mädchen mit Gewalt hinunterzudrücken.
Das fühlte sich genauso grauenhaft an wie es sich liest.
Dafür kam kurz darauf dieser allerschönste Moment einer Mutter -
sein Kind zum ersten Mal sehen zu dürfen.
Zu riechen.
Zu spüren.
Zu halten.
Atmen zu hören.
Blickkontakt zu suchen.
Und zu finden.
Diese Vertrautheit.
Diese Einzigartigkeit.
Das Überwältigtsein von Hormonen und Gefühlen.
Das Wissen, dass es besondere Augenblicke wie diesen nur selten im Leben geben würde.
Mein Kind im Arm zu halten.
Ich wusste vom ersten Tag an, ich wollte sie nicht biegen und bedrängen.
Mir kein Kind formen, das besonders schön Geige spielen kann.
Nicht stolz sein müssen, dass es besonders brav Gedichte auswendig aufsagt über die sie nie nachdenkt.
Kein Produkt meiner Vorstellungen schaffen, das der Umwelt gerecht wird und dem entspricht, das sich andere vom Menschsein erwarten .
Vor allem, das sich andere vom Menschsein anderer erwarten, das sie oft selbst nicht in der Lage sind zu geben.
Ich wusste vom ersten Tag an, ich werde sie begleiten auf ihrem Weg.
Und würde es ein besonderer Weg werden, so werde
ich diesen
an ihrer Hand ein langes Stück mitgehen.
Nicht sie an meiner Hand mitschleifen.
Und ich werde versuchen dort loszulassen, wo ihr Weg Abzweigungen wählt.
Es war ein ganz schön anstrengender Weg bis hierher.
Es war ein schöner Weg hierher.
Das Halten unserer Hände war verbindend.
Das Loslassen war schmerzhaft und befreiend zugleich.
Drei Tage sind es nur noch bis zu ihrem Geburtstag.
Ich werde sie an diesem - ihren - unseren Tag ganz besonders intensiv im Arm halten und mich erinnern, welches Geschenk ich an diesem Tag, vor vierzehn Jahren, erhalten habe.
In Liebe
Mama